Während der unbekannte Leichnam schon in irgendeiner Kühlbox liegt, machen sich die Beamten auf den Weg an den gestrigen Fundort: den Oststrand. Moor blickt sich interessiert um. Was dem einen als attraktives »Malle des Nordens« erscheinen mag, ist dem anderen die unfassbare Schändung eines naturnahen Kleinods. Hochhäuser und Wohnanlagen verströmen etwas von Extravaganz der siebziger Jahre, Bettenburgen mit einmaligem Ausblick, die der Architekt zu diesem Zweck samt und sonders nach Osten ausgerichtet hat. Dort tummeln sich auf Kilometern die Sonnenanbeter und Schaulustigen. Durch die Unmengen von Leibern hindurch bahnen sich die Männer ihren Weg an jene Stelle, an der das Meer den Toten wieder freigegeben hat, wie es gerne so prosaisch heißt. Nichts erinnert an dieser Stelle daran, dass einige Stunden zuvor noch lustvoll bestürzte Urlauber die Leiche betrachteten, während kopfscheue Mütter ihre schreienden Kinder in Richtung Eisbude zerrten.

»Das Meer streicht alles glatt«, hört Clemens Moor aus Fenderlings Mund, so als hätte dieser eben gerade seine eigenen Gedanken gelesen. Nickend betrachtet er das Spiel der Boote auf den Wellen und die Armeen der Windsurfer um sich her, etwas ratlos, wo er nun beginnen soll.

Natürlich kennt er diesen Augenblick genau, wenn alle Karten neu gemischt sind und der Fall sozusagen jungfräulich auf dem Tisch liegt. Aber in Kiel ist das etwas Anderes, da erfasst ihn gewöhnlich so etwas wie eine innere Erregung, vergleichbar der eines Jägers auf dem Ansitz, sobald die Dämmerung heraufzieht. Hier aber spürt er den erwartungsvollen Blick seines Kollegen auf sich gerichtet und etwas wie Lampenfieber bemächtigt sich seiner. Im Fernsehkrimi hätten sie jetzt rot-weißes Flatterband gespannt, Blaulicht schleudernde Streifenwagen aufgebaut, die Spurensicherung durchgewinkt. Und mit großer Verwunderung hört sich Clemens Moor plötzlich in Richtung einer notdürftig bikiniverhüllten Strand-Mutti schnauzen: »Nehmen Sie das Förmchen weg!« Fenderling zuckt zusammen. Schließlich verlassen die Männer den Ort des Grauens, auf dem Weg zu einem weiteren Kaffee...